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Der letzte Zug

Der letzte Zug

Kurzgeschichte 8. März 2026
Der letzte Zug

Der Bahnsteig war leer bis auf eine Frau, die auf einer Bank saß und in ein Buch schaute, ohne zu lesen. Er wusste das, weil sie seit zehn Minuten nicht umgeblättert hatte.

Er setzte sich auf die andere Seite der Bank. Nicht zu nah, nicht zu weit. Die Entfernung, die man wählt, wenn man allein sein will, aber nicht einsam aussehen möchte.

“Der Zug hat Verspätung”, sagte sie, ohne aufzublicken.

“Ich weiß”, sagte er. “Ich warte nicht auf den Zug.”

Sie blickte auf. Zum ersten Mal sah er ihre Augen. Sie waren grau, wie der Himmel über dem Bahnhof, und genauso schwer zu lesen.

“Worauf dann?”

Er überlegte. Es war eine einfache Frage mit einer komplizierten Antwort. Oder eine komplizierte Frage mit einer einfachen Antwort. Er war sich nicht sicher.

“Darauf, dass ich weiß, wohin”, sagte er schließlich.

Sie nickte, als wäre das die vernünftigste Antwort der Welt. Dann klappte sie das Buch zu und stand auf.

“Der Zug kommt”, sagte sie.

Er hörte nichts. Kein Rattern, kein Pfeifen. Aber dann, leise, kam es näher. Sie hatte recht gehabt.

“Steigen Sie ein?”, fragte sie.

Er sah den Zug. Er sah die offene Tür. Er sah die Frau mit den grauen Augen, die nicht auf seine Antwort wartete, sondern einstieg.

Die Türen schlossen sich. Der Zug fuhr ab.

Er saß noch immer auf der Bank. Aber jetzt wusste er, wohin.

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