Der letzte Zug
Kapitel 1: Der Mann ohne Fahrplan
Der Morgen, an dem alles aufhörte
Es war nicht so, dass Thomas Brenner eines Morgens aufgewacht wäre und beschlossen hätte, sein Leben hinter sich zu lassen. So einfach war es nie. Es war eher so, als hätte sich über Monate, vielleicht über Jahre, eine dünne Schicht Eis über alles gelegt, was ihm einmal wichtig gewesen war — über seine Arbeit, über die Wohnung in der Schillerstrasse, über die Gespräche mit Kollegen, die immer dieselben Sätze enthielten, über die Abende vor dem Fernseher, an denen er nicht einmal mehr wusste, was er sich ansah. Und dann, an einem Dienstagmorgen im November, war das Eis gebrochen, nicht mit einem dramatischen Knall, sondern mit einem leisen, fast unhörebaren Knacken, wie wenn ein Ast unter dem Gewicht von nassem Schnee nachgibt.
Er hatte seine Kaffeetasse in der Hand gehalten, eine weisse Tasse mit einem Sprung am Henkel, die er seit drei Jahren benutzte, obwohl er längst eine neü hätte kaufen können. Der Kaffee war schwarz und bitter, so wie er ihn immer trank, und er hatte durch das Küchenfenster auf den Hinterhof geblickt, wo die Mülltonnen in einer ordentlichen Reihe standen, grau und grün und gelb und braun, wie eine kleine Armee von Wächterfiguren. Die Nachbarskatze sass auf dem Maürvorsprung und putzte sich mit jener gelassenen Gleichgültigkeit, die nur Katzen beherrschen. Und plötzlich hatte Thomas gedacht: Ich kenne diesen Anblick besser als mein eigenes Gesicht. Ich kenne den Riss in der dritten Mülltonne von links, ich kenne die Stelle, an der der Putz von der gegenüberliegenden Hauswand bröckelt, ich kenne den Rhythmus, in dem die Katze ihre Pfote hebt und über das Ohr streicht. Ich kenne das alles, und es sagt mir nichts mehr.
Er hatte den Kaffee ausgetrunken, die Tasse in die Spüle gestellt, war ins Schlafzimmer gegangen und hatte eine Reisetasche gepackt. Nicht viel — ein paar Hemden, Unterwäsche, Socken, sein Rasierzeug, ein Buch, das er seit Wochen nicht weitergelesen hatte. Er hatte seinen Mantel angezogen, den dunkelgraün, der an den Ellbogen schon etwas dünn wurde, hatte die Wohnungstür hinter sich zugezogen und den Schlüssel in die Manteltasche gesteckt. Er hatte das Haus verlassen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Wem hätte er auch schreiben sollen? Seine Eltern waren tot, sein Bruder lebte in Kanada und meldete sich zweimal im Jahr, zu Weihnachten und zum Geburtstag. Freunde — ja, es gab Menschen, die er so nannte, aber wenn er ehrlich war, waren es Gewohnheiten, keine Freundschaften. Man traf sich, weil man sich immer getroffen hatte, nicht weil man einander etwas zu sagen hatte.
Die Strasse war feucht vom Nieselregen, der seit dem frühen Morgen fiel, ein feiner, beharrlicher Regen, der weder stark genug war, um einen Regenschirm zu rechtfertigen, noch schwach genug, um ihn zu ignorieren. Thomas ging zu Fuss zum Bahnhof. Es waren zwanzig Minuten, vorbei an der Bäckerei, in der er jeden Morgen ein Croissant kaufte, vorbei an der Apotheke mit dem grünen Kreuz im Schaufenster, vorbei an der Schule, aus deren Fenstern gedämpfter Lärm drang, Kinderstimmen und das gelegentliche Quietschen einer Kreide auf einer Tafel. Er ging mit gleichmässigen Schritten, nicht schnell, nicht langsam, wie jemand, der weder ein Ziel hat noch vor etwas davonläuft.
Am Bahnhof angekommen, stellte er sich nicht an den Fahrkartenschalter. Er ging nicht zur Anzeigetafel, um die Abfahrtszeiten zu studieren. Er betrat die grosse Halle mit ihren hohen Fenstern und dem Echo von hundert Schritten auf dem Steinboden, und er ging hindurch, als wäre er nur ein Durchreisender auf dem Weg zu einem Gleis, das er längst kannte. Aber er kannte es nicht. Er ging hinaus auf den Bahnsteig, den ersten, den er fand, und dort sah er eine leere Bank, und er setzte sich.
Es war Gleis 7. Eine Zahl ohne besondere Bedeutung, aber Thomas fragte sich später manchmal, ob es nicht doch ein Zeichen gewesen war, denn als Kind hatte er einmal gelesen, dass die Sieben die Zahl der Wanderer sei, die Zahl derer, die suchen, ohne zu wissen, was sie finden werden. Aber das war später, viel später. In diesem Moment dachte er gar nichts. Er sass auf der kalten Bank, die Reisetasche neben sich, und schaute auf die leeren Gleise hinaus, die sich in der Ferne verloren, silbrig glänzend im trüben Licht.
Was er zurückgelassen hatte
Thomas war vierundvierzig Jahre alt und arbeitete seit siebzehn Jahren in der Buchhaltungsabteilung einer mittelständischen Firma, die Industrieventile herstellte. Es war keine Arbeit, die er sich als junger Mann erträumt hatte — als junger Mann hatte er Literatur studiert und davon geträumt, selbst zu schreiben, Romane oder wenigstens Erzählungen, irgendetwas, das die Welt ein klein wenig verändern würde. Aber das Studium war zu Ende gegangen, und die Welt hatte sich als widerständiger erwiesen, als er gedacht hatte, und irgendwann hatte er eine Stelle angenommen, die er nur vorübergehend hatte ausfüllen wollen, bis er etwas Besseres fand, und aus dem Vorübergehenden war ein Daürzustand geworden, wie so oft im Leben.
Er war gut in seiner Arbeit, das musste man ihm lassen. Er machte keine Fehler, er war pünktlich, er kam mit den Kollegen aus. Sein Vorgesetzter, Herr Kreisler, ein kleiner Mann mit einem sorgfältig gestutzten Schnurrbart und einer Vorliebe für karierte Hemden, lobte ihn gelegentlich mit Sätzen wie: “Auf Sie kann man sich verlassen, Brenner” oder “Sie sind ein Fels in der Brandung”, wobei Thomas sich jedes Mal fragte, ob es tatsächlich erstrebenswert war, ein Fels zu sein — unbewegt, stumm, während das Leben wie Wasser an ihm vorbeirauschte.
Es hatte eine Frau gegeben, natürlich. Es gibt immer eine Frau, oder einen Mann, oder zumindest die Erinnerung an jemanden, der einmal wichtig war. Sie hiess Miriam, und sie hatten fünf Jahre zusammengelebt, in einer Wohnung in Bockenheim, die zu gross für zwei war und trotzdem zu klein für ihre unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben. Miriam war Fotografin gewesen, eine Frau mit langen, unruhigen Händen und einem Blick, der alles sah, auch das, was man lieber verborgen hätte. Sie hatte Thomas fotografiert, am Anfang, als alles noch neu und aufregend war — im Bett, am Frühstückstisch, auf dem Balkon, im Park. Später hatte sie aufgehört, ihn zu fotografieren, und er hatte verstanden, dass das kein gutes Zeichen war.
“Du bist wie ein Zimmer, in dem die Vorhänge immer zugezogen sind”, hatte sie einmal gesagt, nicht vorwurfsvoll, eher traurig. “Man weiss, dass dahinter etwas sein muss, aber man kommt nie hinein.”
Er hatte nicht gewusst, was er darauf antworten sollte, und vielleicht war genau das die Antwort gewesen. Miriam war gegangen, vor drei Jahren, an einem Sonntagnachmittag im März, und Thomas hatte ihr dabei zugesehen, wie man einem Zug hinterherschaut, der den Bahnhof verlässt: mit einer Mischung aus Erleichterung und Bedaürn und dem vagen Gefühl, dass man hätte einsteigen sollen.
Danach war die Stille gekommen. Nicht die gute Stille, die man am Ende eines langen Tages geniesst, wenn man das Licht löscht und die Decke über sich zieht und weiss, dass man getan hat, was zu tun war. Sondern die andere Stille, die schwere, die sich anfühlte wie Watte in den Ohren, wie ein Raum, dessen Wände langsam näher rückten, unmerklich, Millimeter für Millimeter, bis man kaum noch atmen konnte. Thomas hatte begonnen, spät aufzubleiben, nicht weil er etwas tat, sondern weil er die Nacht brauchte, ihre Weite, ihre Versprechen, ihre Gleichgültigkeit gegenüber menschlichen Sorgen. Er sass oft bis zwei oder drei Uhr morgens am Küchentisch und las, nicht die Bücher, die er sich vornahm, sondern wahllos, was ihm in die Hände fiel — Zeitschriften, Beipackzettel, die Rückseiten von Cornflakes-Packungen. Es war, als hätte er verlernt, sich zu konzentrieren, als wäre sein Geist ein Radio, das zwischen den Sendern hin und her sprang, ohne jemals bei einer Freqünz zu bleiben.
Seine Mutter war im vergangenen Winter gestorben, friedlich, wie man so sagt, obwohl Thomas nie verstanden hatte, was an einem Tod friedlich sein sollte. Sie hatte in einem Pflegeheim in Wiesbaden gelegen, in einem Zimmer mit Blick auf einen Innenhof, in dem ein Kirschbaum stand, der im Frühling blühte und im Herbst seine Blätter verlor, und seine Mutter hatte diesen Baum geliebt, hatte ihn als Letztes betrachtet, bevor sie die Augen schloss. Thomas hatte neben ihrem Bett gesessen und ihre Hand gehalten, und sie hatte ihn angesehen mit einem Blick, der schon halb woanders war, und hatte gesagt: “Fahr mal wieder mit dem Zug, Thomas. Du bist früher so gern Zug gefahren.”
Er hatte gelächelt und genickt und gedacht, dass sie verwirrt war, dass die Medikamente sie in eine andere Zeit versetzten, in seine Kindheit vielleicht, als sie zusammen mit dem Zug an die Ostsee gefahren waren, er und sein Bruder und seine Eltern, jedes Jahr im August, und Thomas hatte am Fenster gestanden und die vorbeiziehende Landschaft beobachtet, die Felder und Wäldchen und kleinen Dörfer, und jedes Mal hatte er das Gefühl gehabt, dass die Welt unendlich war und voller Möglichkeiten.
Jetzt sass er auf Gleis 7, und die Welt fühlte sich klein an, zusammengeschrumpft auf diese Bank, diesen Bahnsteig, diese graün Schienen, die ins Nichts führten. Und doch — und das war das Seltsame — fühlte er sich zum ersten Mal seit langem nicht mehr eng. Es war, als hätte der blosse Akt des Gehens, des Verlassens, des Sich-auf-eine-Bank-Setzens etwas in ihm geöffnet, eine Tür, die er vergessen hatte, eine Tür, hinter der Zugluft war und das Geräusch von fernen Stimmen.
Die ersten Stunden
Die Zeit verging anders auf dem Bahnsteig. Thomas hatte seine Armbanduhr in der Wohnung gelassen, nicht absichtlich, sondern weil er sie am Vorabend zum Laden auf den Nachttisch gelegt und am Morgen vergessen hatte, und so hatte er kein Gefühl dafür, wie viel Zeit verstrichen war, seit er sich gesetzt hatte. Es konnten zwanzig Minuten sein oder zwei Stunden. Züge kamen und gingen — ein Regionalexpress nach Giessen, ein ICE nach München, ein Nahverkehrszug, dessen Ziel er nicht lesen konnte, weil die Anzeige zu schnell wechselte. Menschen stiegen ein und aus, Geschäftsleute mit Aktenkoffern, Studenten mit Rucksäcken, eine alte Frau, die einen kleinen Hund in einer Tragetasche bei sich hatte und mit ihm sprach, als wäre er ein Kind.
Thomas beobachtete sie alle mit einer Aufmerksamkeit, die ihn selbst überraschte. Er hatte seit Jahren niemanden mehr wirklich angesehen — nicht seine Kollegen, nicht die Verkäuferin in der Bäckerei, nicht die Nachbarn im Treppenhaus. Er hatte durch sie hindurchgesehen, wie durch Glasscheiben, und jetzt, auf dieser Bank, mit nichts zu tun und nirgendwo hinzugehen, sah er plötzlich die Einzelheiten: den Mann, der seinen Koffer so fest umklammerte, als enthielte er sein ganzes Leben; die junge Frau, die telefonierte und dabei lachte, ein helles, freies Lachen, das über den Bahnsteig hallte wie Musik; den Jungen, der mit seiner Mutter stritt, weil er ein Eis wollte, obwohl es November war.
Ein Bahnmitarbeiter in einer orangefarbenen Weste kam vorbei und warf Thomas einen prüfenden Blick zu. Thomas lächelte höflich. Der Mann ging weiter. Später kam er ein zweites Mal vorbei und blieb stehen.
“Alles in Ordnung bei Ihnen?”
“Ja, danke”, sagte Thomas. “Ich warte nur.”
“Worauf denn?”
Es war eine einfache Frage, und Thomas überlegte einen Moment. “Auf den richtigen Zug”, sagte er schliesslich, und der Mann nickte, als wäre das eine völlig befriedigende Antwort, und ging weiter.
Der Nieselregen hatte aufgehört, aber der Himmel blieb grau, ein gleichmässiges, undurchdringliches Grau, das die Stadt wie eine Decke umhüllte. Thomas zog seinen Mantel enger um sich. Es wurde kälter, oder er bildete sich das ein. Er dachte an seinen Schreibtisch im Büro, an den Bildschirm, auf dem jetzt wahrscheinlich Zahlenkolonnen flimmerten, die jemand anders addieren würde. Er dachte an Herrn Kreisler, der sich um halb neun wundern würde, wo Brenner blieb, und der vielleicht anrufen würde, und dann noch einmal, und dann achselzuckend eine E-Mail an die Personalabteilung schreiben würde. Er dachte daran, dass er sein Handy in der Manteltasche hatte, aber er hatte es ausgeschaltet, bevor er das Haus verlassen hatte, eine bewusste Handlung, die er sich selbst nicht ganz erklären konnte.
Ein Taubenschwarm landete auf dem Bahnsteig, pickte an unsichtbaren Krumen und flog wieder auf, als ein Zug einrollte. Thomas sah den Tauben hinterher und dachte an einen Satz, den er einmal in einem Buch gelesen hatte, er wusste nicht mehr in welchem: “Die Freiheit des Menschen besteht nicht darin, tun zu können, was er will, sondern darin, nicht tun zu müssen, was er nicht will.” Er wusste nicht, ob das stimmte. Er wusste nur, dass er in diesem Moment nichts tun musste, und dass sich das anfühlte wie das Erste, was seit langem einen Sinn ergab.
Gegen Mittag — er schätzte es anhand des Lichts, das ein wenig heller wurde, obwohl die Sonne nicht durchkam — stand er auf, ging zum Kiosk in der Bahnhofshalle und kaufte sich ein Sandwich und eine Flasche Wasser. Die Frau hinter der Theke hatte müde Augen und künstliche Fingernägel, auf denen winzige Sternchen klebten. Sie gab ihm das Wechselgeld, ohne ihn anzusehen, und Thomas dachte: So sieht Unsichtbarkeit aus. Man steht direkt vor jemandem und ist trotzdem nicht da.
Er ging zurück zu seiner Bank auf Gleis 7 und ass das Sandwich. Neben ihm auf der Bank lag eine vergessene Zeitung, aufgeschlagen auf der Seite mit den Kreuzworträtseln, halb ausgefüllt in einer kräkeligen Handschrift. Thomas las die Fragen, die noch offen waren: “Zustand vollkommener Zufriedenheit, 11 Buchstaben.” Er zähhlte nach — Glückseligkeit. Das musste es sein. Er nahm den Kugelschreiber, der neben der Zeitung lag, und trug das Wort ein, und es passte, und er empfand eine kleine, lächerliche Befriedigung darüber, als hätte er nicht nur ein Kreuzworträtsel gelöst, sondern eine Frage beantwortet, die ihm die Welt gestellt hatte.
Es war ein Käse-Schinken-Sandwich, das nach nichts schmeckte, oder vielmehr nach dem generischen Geschmack aller Bahnhofs-Sandwiches weltweit, einer Mischung aus Plastik und Enttäuschung. Aber Thomas ass es mit einer merkwürdigen Dankbarkeit, denn es war das erste Mal seit Wochen, dass er bewusst etwas ass, dass er den Akt des Essens als solchen wahrnahm und nicht als blosse Unterbrechung zwischen zwei Phasen des Nichtstuns.
Der Nachmittag zog sich dahin, graü Stunde um graü Stunde, und Thomas sass auf seiner Bank und wartete. Worauf, das wusste er immer noch nicht. Aber das Warten selbst hatte etwas Tröstliches, eine eigene Qualität, die er nicht benennen konnte. Es war anders als das Warten im Büro, wenn die Uhr nicht voranzugehen schien. Es war anders als das Warten in der Arztpraxis oder im Stau. Es war ein Warten ohne Ungeduld, ein Warten, das sein eigener Zweck war, und Thomas begann zu ahnen, dass er vielleicht nicht auf einen Zug wartete, sondern auf etwas ganz anderes — auf ein Zeichen vielleicht, oder auf einen Gedanken, der ihm zeigen würde, wer er war, jetzt, wo er alles abgestreift hatte, was ihn definiert hatte.
Die Dämmerung kam früh, wie es im November so ist, und die Bahnsteiglichter gingen an, eines nach dem anderen, gelblich und schwach, und warfen lange Schatten auf den Beton. Die Züge wurden seltener, die Menschen weniger. Thomas sass immer noch auf seiner Bank, und sein Atem bildete kleine Wölkchen in der kalten Luft. Er fror ein wenig, aber es war kein unangenehmes Frösteln, eher ein Zeichen dafür, dass er noch da war, dass sein Körper noch funktionierte, auch wenn sein Geist sich in einem Zustand befand, den er nicht recht einordnen konnte — nicht traurig, nicht glücklich, nicht verzweifelt, sondern einfach nur da, aufmerksam, wartend.
Und dann, gegen sechs Uhr abends, als die Dunkelheit sich vollständig über den Bahnhof gelegt hatte und die Lichter der Stadt hinter den Gleisen wie ferne Sterne funkelten, setzte sich jemand auf die Bank neben ihn.
Kapitel 2: Die Frau mit den graün Augen
Eine Begegnung auf Gleis 7
Thomas bemerkte sie nicht sofort. Er war in seine Gedanken versunken gewesen, oder besser gesagt in die Abwesenheit von Gedanken, in jenen Zustand halb wacher Leere, den man erreicht, wenn man lange genug stillsitzt und der Geist aufhört, nach Beschäftigung zu suchen. Er hörte ein Rascheln, das leise Knarren der Holzbank, und als er den Kopf wandte, sass sie da, vielleicht einen halben Meter von ihm entfernt, in einem dunkelblaün Mantel mit hochgeschlagenem Kragen, ein Buch auf dem Schoss, eine kleine Ledertasche zu ihren Füssen.
Sie war vielleicht Ende dreissig, vielleicht Anfang vierzig — es war schwer zu sagen im künstlichen Licht der Bahnsteiglampen, das Schatten unter die Augen legte und die Konturen weich zeichnete. Ihr Haar war dunkelbraun und zu einem lockeren Knoten zusammengefasst, aus dem sich einzelne Strähnen gelöst hatten. Ihr Gesicht war schmal, mit hohen Wangenknochen und einem Mund, der etwas zu gross war für ihr Gesicht, was ihr einen Ausdruck von ständiger, leichter Überraschung verlieh. Aber es waren ihre Augen, die Thomas auffielen, als sie kurz zu ihm hinübersah — sie waren grau, nicht das matte Grau eines bewölkten Himmels, sondern ein lebendiges, helles Grau, wie Silber oder wie das Licht auf Wasser an einem Wintertag.
Sie öffnete ihr Buch und begann zu lesen, oder tat zumindest so, denn Thomas bemerkte, dass sie die Seiten nicht umblätterte. Sie hielt das Buch aufgeschlagen, aber ihr Blick glitt immer wieder über den oberen Rand hinaus, auf die Gleise, auf die gegenüberliegende Bahnsteigseite, auf die leuchtende Anzeigentafel, die den nächsten Zug ankündigte: RE 34 nach Kassel-Wilhelmshöhe, Abfahrt 18:47, Gleis 7.
Thomas sah auf die Anzeige und dann auf die Frau. Sie schien seinen Blick zu spüren, denn sie sah kurz auf, lächelte — nicht ihm, eher sich selbst — und vertiefte sich wieder in ihr Buch. Oder tat so. Es vergingen einige Minuten, in denen keiner von beiden sprach, in denen nur das leise Summen der Stromleitungen über den Gleisen und das ferne Rumpeln eines Güterzugs zu hören waren.
Dann schlug der Wind um, und ein kalter Stoss fegte über den Bahnsteig, und die Frau zog die Schultern hoch und klappte das Buch zu, wobei sie ihren Finger zwischen die Seiten steckte, um die Stelle zu markieren, obwohl sie ja, wie Thomas wusste, gar nicht gelesen hatte.
“Kalt”, sagte sie, ohne ihn direkt anzusehen, so als spräch sie mit dem Wind.
“Ja”, sagte Thomas. “Für November ist es ungewöhnlich.”
“Ungewöhnlich kalt oder ungewöhnlich normal?”
Thomas überlegte. “Wahrscheinlich ganz normal. Aber man vergisst das jedes Jahr. Im Oktober denkt man noch, der Winter sei weit weg, und dann kommt er plötzlich, und man ist überrascht, als wäre es das erste Mal.”
Sie sah ihn an, mit diesen graün Augen, die im Lampenlicht fast zu leuchten schienen. “Das ist eine sehr philosophische Antwort auf eine sehr einfache Feststellung.”
“Entschuldigung”, sagte Thomas und lächelte. “Ich sitze seit heute Morgen hier. Da fängt man an, über alles zu philosophieren.”
“Seit heute Morgen?” Sie zog die Augenbraün hoch. “Warten Sie auf jemanden?”
“Nein.”
“Auf einen bestimmten Zug?”
“Auch nicht.”
Sie musterte ihn einen Moment lang, und Thomas erwartete die üblichen Fragen — ob alles in Ordnung sei, ob er Hilfe brauche, ob sie jemanden rufen solle. Aber stattdessen nickte sie langsam, als verstehe sie etwas, das er nicht ausgesprochen hatte, und sagte: “Ich habe einmal drei Tage auf einem Flughafen verbracht. In Lissabon. Mein Flug war gestrichen worden, und statt einen neün zu buchen, bin ich einfach geblieben. Ich habe in den Wartehallen geschlafen und in den Flughafenrestaurants gegessen und den Menschen beim Ankommen und Abfliegen zugesehen. Es war wie ein eigener kleiner Planet.”
“Und warum sind Sie geblieben?”
Sie legte den Kopf leicht schief, als müsse sie die Antwort erst zusammensuchen. “Weil ich nicht wusste, wohin ich zurückwollte. Oder vielleicht, weil es sich gut anfühlte, an einem Ort zu sein, der nur für den Übergang gemacht ist. Flughäfen, Bahnhöfe — das sind Orte, an denen man nicht bleiben muss. An denen niemand erwartet, dass man bleibt. Das nimmt den Druck.”
Thomas nickte. Das war es. Genau das. Der Druck, der auf einem lastete, solange man sich an einem Ort befand, der Beständigkeit verlangte — die Wohnung, das Büro, die Strasse, in der man wohnte. Hier, auf diesem Bahnsteig, war er frei davon. Hier war er nur ein Reisender, der noch nicht wusste, wohin, und das war völlig in Ordnung.
“Ich heisse Thomas”, sagte er, ohne zu wissen, warum. Er war nicht der Typ, der sich Fremden vorstellte.
“Elena”, sagte sie. “Und bevor Sie fragen: Ich warte tatsächlich auf einen Zug. Allerdings nicht auf den nächsten.”
Gespräche in der Kälte
Der RE 34 nach Kassel kam und ging, und weder Thomas noch Elena stiegen ein. Die Türen öffneten und schlossen sich mit einem pneumatischen Zischen, ein paar Gestalten stiegen aus, eilten an ihnen vorbei, und dann war der Bahnsteig wieder leer, und die Stille kehrte zurück, dichter noch als zuvor.
Elena hatte ihr Buch in die Tasche gesteckt — Thomas hatte den Titel nicht lesen können — und sass jetzt mit übereinandergeschlagenen Beinen da, die Hände in den Manteltaschen vergraben. Sie sprachen, ohne sich anzusehen, Schulter an Schulter in die Dunkelheit hinaus, und es hatte etwas Intimes, diese Art zu reden, als spüche man mit sich selbst und würde zufällig gehört.
“Was haben Sie beruflich gemacht?”, fragte Elena. Sie sagte “gemacht”, nicht “machen”, als hätte sie verstanden, dass Thomas’ Anwesenheit hier eine Vergangenheitsform implizierte.
“Buchhaltung”, sagte Thomas. “Siebzehn Jahre lang.”
“Haben Sie es gern gemacht?”
“Ich habe es können. Das ist nicht dasselbe, oder?”
“Nein”, sagte Elena. “Das ist es nie.”
“Und Sie?”
Sie schwieg einen Moment. “Ich übersetze Bücher. Aus dem Portugiesischen ins Deutsche. Manchmal auch aus dem Spanischen.”
“Ist das der Grund für Lissabon?”
“Einer davon.” Sie lächelte, aber es war ein Lächeln mit Schatten darin. “Ich habe dort jemanden besucht. Oder besser gesagt, ich bin dort angekommen und habe festgestellt, dass es niemanden mehr gab, den ich besuchen konnte.”
Thomas wartete. Er hatte gelernt — auf dieser Bank, an diesem Tag — dass Stille manchmal mehr eröffnete als Fragen.
“Mein Vater”, sagte Elena nach einer Weile. “Er hatte ein kleines Antiquariat in der Alfama, dem alten Viertel. Enge Gassen, blaü Kacheln an den Wänden, Wäscheleine zwischen den Häusern. Er lebte dort seit zwanzig Jahren, nachdem er Deutschland verlassen hatte. Er war einer dieser Menschen, die ihr ganzes Leben lang nach einem Ort suchen, an dem sie sich richtig fühlen, und er hatte Lissabon gefunden, und Lissabon hatte ihn angenommen, mit all seinen Eigenheiten — seiner Liebe zu obskuren Erstausgaben, seinem schlechten Portugiesisch, seinem Übergewicht, seinem lauten Lachen. Und dann, eines Tages, Herzinfarkt. Mitten im Laden, zwischen den Bücherregalen. Die Nachbarin hat ihn gefunden.”
“Das tut mir leid”, sagte Thomas, und er meinte es.
“Danke.” Elena zog eine Strähne hinter ihr Ohr. “Es ist schon vier Jahre her. Aber ich fliege immer noch hin, einmal im Jahr, und jedes Mal stehe ich vor dem Laden, der jetzt ein Souvenirgeschäft ist, und ich denke: Hier war er. Hier hat er gelebt. Hier war er glücklich.”
Sie schwiegen wieder, und ein Güterzug donnerte auf einem Nebengleis vorbei, lang und schwer und laut, und der Luftzug brachte Elenas Haar durcheinander, und für einen Moment roch es nach Metall und Diesel und Entfernung.
“Meine Mutter ist vor einem Jahr gestorben”, sagte Thomas, überrascht über seine eigene Offenheit. Er sprach nie über seine Mutter, nicht mit Kollegen, nicht mit den wenigen Menschen, die er als Bekannte bezeichnete. Aber hier, in der Dunkelheit, neben dieser Fremden, die nach Lissabon flog, um vor einem Souvenirgeschäft zu stehen, fühlte es sich möglich an. “Sie hat mir gesagt, ich soll wieder Zug fahren. Es war einer der letzten Sätze, die sie gesagt hat.”
“Und deswegen sind Sie hier?”
Thomas dachte darüber nach. “Ich glaube nicht. Oder vielleicht doch. Ich weiss es nicht. Ich bin hier, weil ich heute Morgen meinen Kaffee getrunken habe und plötzlich nicht mehr wusste, warum ich an dem Ort bin, an dem ich bin. Nicht die Wohnung, nicht die Stadt — mein ganzes Leben. Es war, als würde man eine Schublade öffnen und feststellen, dass sie leer ist, obwohl man dachte, es läge etwas Wichtiges darin.”
Elena nickte. “Die leere Schublade”, sagte sie leise. “Ja. Die kenne ich.”
Ein Durchsage-Gong ertöente, und eine Fraünstimme kündigte den nächsten Zug an, einen IC nach Hamburg, Abfahrt 19:23. Elena rührte sich nicht.
Thomas dachte über ihre Worte nach — die leere Schublade. Es war ein so einfaches Bild und doch so präzise. Er hatte das ganze Leben damit verbracht, Schubladen zu füllen, ordentlich, systematisch, eine nach der anderen: Schule, Studium, Beruf, Beziehung, Wohnung. Alles hatte seinen Platz gehabt, alles war beschriftet und eingeordnet, wie die Konten in seiner Buchhaltung — Soll und Haben, Einnahmen und Ausgaben, alles in Balance. Und dann hatte er eines Tages festgestellt, dass die Schubladen zwar voll waren, aber nichts darin ihm gehörte, dass alles darin austauschbar war, dass jeder andere Mensch dieselben Schubladen mit denselben Dingen hätte füllen können, und dass nichts davon — nichts — unverwechselbar sein war.
“Woran denken Sie?”, fragte Elena.
“An Schubladen”, sagte Thomas, und sie musste nicht fragen, was er meinte, denn sie nickte nur und sagte: “Ja. Daran denke ich auch oft.”
Es war merkwürdig, wie schnell sich zwischen ihnen eine Sprache entwickelt hatte, eine Sprache aus Halbsätzen und Andeutungen und Blicken, die mehr sagten als Worte. Thomas hatte so etwas nie erlebt — nicht mit Miriam, nicht mit seinen Freunden, mit niemandem. Es war, als hätten sie beide denselben Raum betreten, denselben inneren Raum, in dem man die Masken ablegen konnte und die höflichen Floskeln und die kleinen Lügen, mit denen man sich durch den Alltag mogelte.
“Haben Sie jemals darüber nachgedacht, einfach alles stehenzulassen?”, fragte er. “So wie ich es heute getan habe?”
Elena schwieg einen Moment, und Thomas sah, wie sie sich eine Strähne um den Finger wickelte, eine unbewusste Geste, die etwas Mädchenhaftes hatte. “Jeden Tag”, sagte sie schliesslich. “Jeden einzelnen Tag. Aber ich tü es nicht, weil ich die Bücher habe. Die Übersetzungen. Das ist mein Anker. Solange ich übersetze, habe ich einen Grund, irgendwo zu sein — nicht an einem bestimmten Ort, aber in der Sprache, in den Wörtern, in den Sätzen anderer Menschen. Das hält mich fest.”
“Und wenn die Bücher nicht wären?”
Sie sah ihn an, und in ihren graün Augen war etwas, das er nur als Ehrlichkeit bezeichnen konnte, eine radikale, ungefilterte Ehrlichkeit, die fast wehtat. “Dann wäre ich wahrscheinlich schon längst verschwunden. Irgendwohin. Nirgendwohin.”
“War das Ihr Zug?”, fragte Thomas, als die Anzeige wechselte und der IC nach Hamburg abfuhr, ohne dass jemand einstieg.
“Nein. Meiner fährt später. Viel später.”
“Wohin?”
Sie lächelte. “Nach Wien. Über Nacht. Ein Schlafwagen, der letzte echte Schlafwagenzug auf dieser Strecke. Ab Dezember wird er eingestellt. Ich wollte ihn ein letztes Mal nehmen.”
“Der letzte Zug”, sagte Thomas, mehr zu sich selbst.
“So könnte man es nennen.” Elena sah ihn an, und in ihren graün Augen lag etwas, das er nicht deuten konnte — Neugier vielleicht, oder Mitleid, oder etwas ganz anderes. “Und Sie? Wohin würde Ihr Zug fahren, wenn Sie einen wählen müssten?”
Thomas öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Er hatte keine Antwort. Nicht weil er keine Ziele kannte, sondern weil alle Ziele gleichermassen nah und gleichermassen fern schienen, als gäbe es keinen Unterschied zwischen Hamburg und Wien und Lissabon und dem Mond.
“Ich warte”, sagte er. “Darauf, es zu wissen.”
Der Saxophonspieler
Gegen acht Uhr abends, als die Kälte wirklich beissend wurde und Thomas überlegte, ob er in die Bahnhofshalle gehen sollte, um sich aufzuwärmen, hörte er Musik. Es war ein Saxophon, leise und melancholisch, und der Klang kam von der anderen Seite des Bahnsteigs, wo ein Mann stand, an eine Saule gelehnt, und spielte. Er trug eine abgewetzte Lederjacke und eine Schirmmütze, und sein Saxophon glänzte golden im Lampenlicht, und er spielte eine Melodie, die Thomas nicht kannte, die aber klang wie etwas, das er früher einmal gewusst und vergessen hatte — vertraut und fremd zugleich, wie ein Traum, an den man sich nur bruchstückhaft erinnert.
Elena lauschte mit geschlossenen Augen. “Chet Baker”, murmelte sie. “Almost Blü.”
“Kennen Sie das Stück?”
“Es war das Lieblingsstück meines Vaters. Er hat es im Laden immer wieder gespielt, bis die Nachbarn sich beschwert haben.”
Der Saxophonspieler spielte zu Ende, und für einen Moment war es ganz still auf dem Bahnsteig, so still, dass Thomas seinen eigenen Herzschlag hören konnte. Dann begann der Mann ein neüs Stück, schneller diesmal, rhythmischer, etwas Jazziges, das die Kälte ein wenig zurückdrängte und dem leeren Bahnsteig eine seltsame Lebendigkeit verlieh.
Thomas stand auf und ging hinüber. Der Mann hörte auf zu spielen, als Thomas vor ihm stand, und sah ihn an mit dunklen, wachen Augen in einem wettergegerbten Gesicht.
“Schön gespielt”, sagte Thomas.
“Danke.” Die Stimme des Mannes war tief und rau, wie Kies unter Schuhen. “Ich spiele hier jeden Abend. Nicht für Geld — nur, weil ich gern spiele und die Akustik hier gut ist. Die Bahnhofshalle ist besser, aber dort werde ich verjagt.”
“Wie heissen Sie?”
“Leo. Oder Leopold, wenn meine Mutter saür war.” Er grinste und entblösste dabei eine Zahnlücke. “Und Sie sind der Mann, der den ganzen Tag auf der Bank sitzt. Die Leute reden, wissen Sie. Der Mann am Kiosk hat mich gefragt, ob ich Sie kenne.”
Thomas lachte. Es war das erste Mal an diesem Tag, dass er lachte, und es fühlte sich gut an, unerwartet gut, als würde etwas in seiner Brust nachgeben, das sich den ganzen Tag über verkrampft hatte.
“Ich warte”, sagte Thomas, und er merkte, dass dieser Satz zu seiner Standardantwort geworden war, eine Art Mantra, das alles erklärte und nichts verriet.
Leo nickte, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. “Warten ist eine Kunst”, sagte er. “Die meisten Leute können es nicht. Sie werden nervös, schaün auf ihre Handys, trommeln mit den Fingern. Aber richtiges Warten, so wie Sie es machen — einfach dasitzen und da sein — das können nur wenige.”
Er hob das Saxophon wieder an die Lippen und begann zu spielen, und Thomas ging zurück zu seiner Bank, wo Elena immer noch sass und ihm entgegensah mit einem Ausdruck, der fast so etwas wie Wärme enthielt.
“Er hat recht, wissen Sie”, sagte sie. “Warten ist eine Kunst.”
“Und was ist die Kunst des Reisens?”
“Loszulassen”, sagte Elena, ohne zu zögern. “Alles loszulassen. Den Ort, den man verlässt, den Ort, den man erreichen will, die Vorstellung davon, wer man ist. Im Zug ist man niemand. Man ist nur Bewegung.”
Thomas dachte an seine Mutter, an ihren letzten Satz, und an die Züge seiner Kindheit, und er dachte, dass Bewegung vielleicht das war, was ihm fehlte — nicht das Vorankommen, nicht das Ankommen, sondern die Bewegung selbst, das Unterwegssein, das Dazwischen.
Leo spielte weiter, und der Bahnsteig wurde zu einer Bühne, und Thomas und Elena waren das Publikum, und die Züge, die kamen und gingen, waren die Kulissen, die sich ständig veränderten und doch immer gleich blieben, und über allem hing der Klang des Saxophons, golden und traurig und schön.
Die Geschichte des Bahnhofs
Es war nach neun Uhr, als eine weitere Gestalt auf dem Bahnsteig auftauchte — eine ältere Frau mit einem Rollkoffer und einem Schal, der so lang war, dass er beinahe den Boden berüehrte. Sie blieb stehen, hörte Leos Saxophon und setzte sich auf die nächste Bank, zwei Meter von Thomas und Elena entfernt. Ihr Gesicht war faltig und freundlich, und sie trug eine Brille mit einem roten Gestell, die ihr etwas Eulenartiges verlieh.
“Das ist schön”, sagte sie zu niemandem im Besonderen. “Musik auf Bahnsteigen. Früher gab es das öfter.”
Elena drehte sich zu ihr. “Fahren Sie auch nach Wien?”
“Nein, mein Kind. Nach Zürich. Aber erst morgen früh. Ich bin zu früh gekommen — meine Tochter hat mich abgesetzt und hatte es eilig. Also warte ich.”
“Sie könnten in ein Hotel gehen”, sagte Thomas. “Es gibt mehrere in Bahnhofsnähe.”
Die alte Frau winkte ab. “Hotels sind langweilig. Hier passiert wenigstens etwas. Ausserdem — und das klingt vielleicht merkwürdig — mag ich Bahnhöfe. Ich habe mein halbes Leben in Bahnhöfen verbracht. Mein Mann war Eisenbahner, vierzig Jahre lang, und ich habe ihn jeden Abend hier abgeholt. Hier, an diesem Bahnhof, auf diesem Gleis. Er kam immer mit dem Zug aus Hanau, wo das Stellwerk war, in dem er arbeitete. Und ich stand hier und wartete, und wenn der Zug einfuhr, habe ich ihn durch die Scheibe gesehen, bevor er ausgestiegen ist, und jedes Mal, vierzig Jahre lang, habe ich gedacht: Da ist er. Da ist mein Mann.”
Sie sprach mit einer Zartheit, die Thomas ans Herz ging, einer Zartheit, die nur Menschen aufbringen, die längst über den Schmerz hinaus sind und nur noch die Wärme der Erinnerung spüren.
“Lebt er noch?”, fragte Elena vorsichtig.
“Nein. Er ist vor sechs Jahren gestorben. Aber manchmal komme ich immer noch hierher. Nicht um auf ihn zu warten — ich bin ja nicht verückt. Sondern um mich an das Warten zu erinnern. Das Warten war das Schönste. Die Vorfreude, wissen Sie. Die letzten fünf Minuten, bevor der Zug einfährt — das waren die besten Minuten des Tages.”
Leo hatte aufgehört zu spielen und war näher gekommen, das Saxophon unter den Arm geklemmt. “Ihr Mann war Eisenbahner?”, fragte er. “Mein Grossvater auch. Lokführer. In der DDR. Er ist nach dem Krieg bei der Reichsbahn geblieben und hat bis zur Wende Dampfloks gefahren.”
“Na, dann sind wir ja alle Eisenbahnkinder”, sagte die alte Frau und lachte, und es war ein warmes, volles Lachen, das in keinem Verhältnis zu ihrem schmalen Körper stand.
Sie erzählte Geschichten, die alte Frau — sie hiess Gertrud, wie sie nebenbei erwähnte — Geschichten von diesem Bahnhof, wie er früher aussah, als die Halle noch im Originalzustand war, mit Stuck an der Decke und Kronleuchtern und einem Warteraum erster Klasse mit Samtpolstern. Wie ihr Mann, der Heinrich hiess, ihr einmal Blumen an den Bahnsteig gebracht hatte, einen ganzen Strauss Rosen, mitten im Februar, als Überraschung zum Valentinstag, und wie sie sich so sehr gefreut hatte, dass sie geweint hatte, und wie der Stationsvorsteher gedacht hatte, es sei etwas Schlimmes passiert, und den Arzt rufen wollte.
Thomas hörte zu und merkte, dass er sich nach vorne gebeugt hatte, die Ellbogen auf den Knien, das Kinn auf den Händen, wie ein Kind, dem eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt wird. Gertrud sprach mit einer Selbstverständlichkeit, die ihn entwaffnete — sie erzählte nicht, um zu beeindrucken, nicht um Mitleid zu erregen, sondern einfach, weil die Geschichten in ihr waren und hinauswollten, wie Wasser, das einen Weg findet, auch durch den härtesten Stein.
Sie erzählte von dem Silvesterabend 1989, als der Bahnhof voller Menschen gewesen war, die aus dem Osten kamen, mit Plastiktüten und Pappkoffern und Gesichtern, auf denen Staunen und Erschöpfung und Freude zugleich lagen. Heinrich hatte an diesem Abend Dienst gehabt, und Gertrud war zu ihm gekommen, mit einer Thermoskanne Glühwein und belegten Broten, und sie hatten zusammen auf dem Bahnsteig gestanden und den Menschen beim Ankommen zugesehen, und Heinrich hatte gesagt: “Das hier, Trudi, das ist Geschichte. Und wir stehen mittendrin.” Er hatte Tränen in den Augen gehabt, ihr Heinrich, der sonst nie weinte, nicht einmal bei der Beerdigung seiner Mutter, und Gertrud hatte ihn umarmt, mitten auf dem Bahnsteig, während die Züge kamen und die Menschen strömten und das neü Jahrzehnt begann.
Thomas fühlte, wie etwas in ihm weich wurde, als würde eine gefrorene Stelle langsam auftaün. Er dachte an seine eigenen Erinnerungen an Bahnhöfe — die Reisen an die Ostsee, den Geruch von Kohle und Leder in den alten Waggons, die Aufregung des Aufbruchs, das süsse Heimweh auf der Rückfahrt. Er hatte das alles vergessen gehabt, begraben unter Schichten von Alltag und Pflicht und Gleichgültigkeit, und jetzt grub es sich hervor, Stück für Stück, wie Artefakte bei einer Ausgrabung.
Elena hörte ebenfalls zu, und Thomas sah, dass ihre Augen feucht glänzten, obwohl sie lächelte. Sie war ein Mensch, der gleichzeitig lächeln und weinen konnte, und Thomas fand das schöner als alles, was er an diesem Tag gesehen hatte.
Leo spielte noch ein Stück, leise diesmal, fast ein Wiegenlied, und Gertrud summte mit, die Augen geschlossen, den Kopf leicht wiegend. Ein Nachtzug rollte auf einem fernen Gleis vorbei, sein Rattern ein Kontrapunkt zur Melodie, und Thomas stellte sich die Menschen in den erleuchteten Abteilen vor — Reisende auf dem Weg nach Hause oder von zu Hause weg, Menschen, die schliefen oder wach lagen und an die zurückdachten, die sie verlassen hatten, oder an die, die auf sie warteten. Jeder von ihnen hatte eine Geschichte, jeder hatte einen Grund, in diesem Zug zu sitzen, und all diese Geschichten kreuzten sich für einen Moment an diesem Bahnhof, wie Fäden in einem Gewebe, bevor sie sich wieder trennten und in verschiedene Richtungen weiterliefen.
Der Bahnsteig, der noch vor wenigen Stunden ein kalter, leerer Ort gewesen war, fühlte sich plötzlich an wie ein Zuhause — ein vorübergehendes, fluchtiges Zuhause, das nur für diese eine Nacht existierte und morgen wieder verschwunden sein würde, aber ein Zuhause dennoch.
Es war fast zehn Uhr, als Elena auf ihre Uhr sah und sagte: “Noch zwei Stunden.” Und Thomas merkte, dass sein Herz schneller schlug, nicht vor Angst, sondern vor etwas, das er als Ahnung erkannte — die Ahnung, dass diese Nacht auf ihn zuging, auf einen Punkt hin, an dem er eine Entscheidung würde treffen müssen, und dass er zum ersten Mal seit langer, langer Zeit bereit war, eine Entscheidung zu treffen.
Kapitel 3: Der letzte Zug
Mitternacht naht
Die letzte Stunde vor Mitternacht hatte eine eigene Schwere. Gertrud war auf ihrer Bank eingenickt, den Kopf gegen ihren Rollkoffer gelehnt, den Schal wie eine Decke um sich gewickelt. Leo sass auf dem Boden neben seiner Saule, das Saxophon im Schoss, und rauchte eine Zigarette, deren Glut in der Dunkelheit leuchtete wie ein kleines, wanderndes Auge. Der Bahnsteig war fast menschenleer — nur hin und wieder kam jemand vorbei, eilig, den Blick auf das Handy gerichtet, ohne die kleine Gemeinschaft auf den Bänken zu bemerken.
Thomas und Elena sassen immer noch nebeneinander, aber näher jetzt, ihre Schultern berüehrten sich fast. Sie hatten stundenlang geredet, über alles und nichts — über Bücher, die sie gelesen hatten, über Städte, die sie kannten, über die seltsamen kleinen Gewohnheiten, die man entwickelte, wenn man allein lebte. Elena erzählte, dass sie jeden Morgen vor dem Frühstück ein Gedicht las, immer dasselbe, bis sie es auswendig konnte, und dann das nächste. Thomas erzählte von seiner Gewohnheit, die Mülltonnen im Hinterhof zu zählen, obwohl es immer dieselben waren, vier Stück, grau, grün, gelb, braun. Sie hatten darüber gelacht, und das Lachen hatte sich gut angefühlt, wie warmes Wasser auf kalter Haut.
Aber jetzt, in der Stille der voranschreitenden Nacht, sprachen sie nicht mehr. Sie sassen einfach da und teilten die Dunkelheit, und Thomas dachte, dass es das war, was er mit Miriam nie gekonnt hatte — schweigen, ohne dass die Stille zu einer Anklage wurde. Mit Miriam war jede Stille ein Vorwurf gewesen, ein leerer Raum, den man hätte füllen müssen, und weil keiner von beiden ihn füllen konnte, war er grösser und grösser geworden, bis er alles verschluckt hatte. Mit Elena war die Stille ein Raum, in dem man sich aufhalten konnte, ohne etwas tun zu müssen. Es war der grösste Luxus, den er sich vorstellen konnte.
“Thomas”, sagte Elena plötzlich, und ihr Ton war anders als zuvor, ernster, nachdenklicher. “Darf ich Sie etwas fragen?”
“Natürlich.”
“Was würden Sie tun, wenn es keine Konseqünzen gäbe? Wenn nichts von dem, was Sie tun, einen Preis hätte? Kein Job, den man verliert, keine Wohnung, die man aufgibt, keine Erklärungen, die man abgeben muss?”
Thomas dachte nach. Die Frage war grösser, als sie klang — sie war wie ein Brunnen, in den man einen Stein warf und lange warten musste, bis man das Aufschlagen hörte.
“Ich würde schreiben”, sagte er schliesslich, und die Worte überraschten ihn, obwohl sie aus seinem eigenen Mund kamen. “Ich würde schreiben. Geschichten. Über Menschen an Bahnhöfen. Über Leute wie Leo und Gertrud und — Sie.”
Elena sah ihn an, und in ihren graün Augen lag jetzt etwas, das kein Mitleid war und keine Neugier, sondern etwas Tieferes, etwas, das Thomas nur als Erkennung bezeichnen konnte — die Erkennung eines verwandten Geistes, eines Menschen, der ebenfalls wusste, wie es sich anfühlte, etwas in sich zu tragen, das herauswollte und nicht konnte.
“Dann schreiben Sie”, sagte sie. Einfach so. Als wäre es das Leichteste der Welt.
“Es ist nicht so einfach.”
“Natürlich ist es nicht einfach. Aber es ist das, was Sie wollen. Und das ist mehr, als die meisten Menschen von sich sagen können.”
Thomas schwieg. Er dachte an seinen Schreibtisch zu Hause, an den er sich manchmal abends setzte, mit einem leeren Blatt vor sich, und dann sass er da und das Blatt blieb leer, und nach einer Stunde stand er auf und ging ins Bett. Er dachte an die Geschichten, die in seinem Kopf herumschwirrten wie Fische in einem trüben Teich, Geschichten, die er sehen, aber nicht greifen konnte. Er dachte an Herrn Kreisler und die Zahlenkolonnen und die siebzehn Jahre, die wie Wasser durch seine Finger geronnen waren.
“Wissen Sie, was das Problem ist?”, sagte er. “Es ist nicht, dass ich nicht schreiben kann. Es ist, dass ich nicht weiss, ob das, was ich schreibe, es wert ist, geschrieben zu werden. Es ist die Angst davor, dass die Schublade, von der ich vorhin gesprochen habe, nicht leer ist, sondern voll — voll mit mittelmassigen Ideen und halbgaren Gedanken und Sätzen, die nirgendwohin führen.”
Elena nahm ihre Hand aus der Manteltasche und legte sie auf seinen Arm, eine leichte, flüchtige Berührung, die trotzdem durch den Stoff hindurch wärmer war als alles, was Thomas seit langem gespürt hatte.
“Jeder erste Satz ist mittelmassig”, sagte sie. “Jeder erste Entwurf ist Müll. Das ist normal. Das Schreiben ist nicht der erste Satz — das Schreiben ist das, was man daraus macht, wenn man nicht aufgibt. Ich übersetze Bücher, Thomas. Ich lese jeden Tag Sätze, die jemand hingeschrieben hat, und ich sehe die Stellen, an denen der Autor gezweifelt hat, an denen der Text holprig ist, an denen ein Wort nicht ganz passt. Und dann lese ich weiter, und plötzlich kommt ein Satz, der so perfekt ist, dass ich ihn dreimal lese, nur um ihn zu spüren. Und dieser Satz existiert nur, weil der Autor durch all die holprigen Stellen hindurchgegangen ist, anstatt aufzugeben.”
Thomas spürte, wie etwas in ihm nachgab, eine Barriere, die er so lange aufrechterhalten hatte, dass er vergessen hatte, dass sie da war. Es war nicht so, dass Elena ihm etwas sagte, das er nicht wusste — er wusste all das, intellektüll, theoretisch. Aber es war etwas anderes, es von einem Menschen zu hören, der neben einem sass, in der Kälte, in der Nacht, auf einem Bahnsteig, auf dem die Zeit stillzustehen schien.
Die Entscheidung
Um Viertel vor zwölf kündigte die Anzeigetafel den Zug an: NJ 40457, Nachtzug nach Wien Hauptbahnhof, Abfahrt 0:07, Gleis 7. Schlaf- und Liegewagen. Halt in Würzburg, Nürnberg, Passau, Linz.
Elena stand auf und streckte sich. “Das ist meiner”, sagte sie, und in ihrer Stimme lag eine Mischung aus Vorfreude und etwas, das Thomas als Bedaürn deutete.
Gertrud wachte auf, blinzelte verwirrt und sah auf die Anzeige. “Ach, schon so spät. Dann habe ich ja noch sechs Stunden bis zu meinem Zug.” Sie gähhnte und wickelte sich enger in ihren Schal.
Leo erhob sich und kam herüber. “Nachtzug nach Wien?”, sagte er. “Schöne Strecke. Vor allem das Stück durch das Donautal, wenn man morgens aufwacht und die Sonne aufgeht.”
“Genau deswegen”, sagte Elena. Sie beugte sich zu Gertrud herunter und drückte ihr die Hand. “Gute Nacht, Gertrud. Und grüssen Sie Heinrich von mir.”
Gertrud lächelte. “Das werde ich. Und grüssen Sie Wien von mir. Ich war dort auf Hochzeitsreise, 1978. Das Hotel Sacher. Wir haben Sachertorte zum Frühstück gegessen, können Sie sich das vorstellen?”
Elena lachte und wandte sich dann zu Thomas. Sie standen sich gegenüber, und Thomas bemerkte, dass sie fast gleich gross waren, dass ihre graün Augen auf einer Höhe mit seinen waren, und dass in ihren Augen immer noch dieses Leuchten war, dieses silberne, winterliche Leuchten, das er nie vergessen würde.
“Thomas”, sagte sie. “Kommen Sie mit.”
Es war keine Frage. Es war auch kein Befehl. Es war etwas dazwischen — eine Einladung, die keinen Druck ausübte, die nur da war, offen und ehrlich, wie eine ausgestreckte Hand, die man ergreifen konnte oder nicht.
Thomas öffnete den Mund. Sein ganzer Körper drängte ihn, ja zu sagen, aufzustehen, seine Tasche zu nehmen und mit ihr in diesen Zug zu steigen, in die Nacht hinein, nach Wien, wohin auch immer. Er konnte es fast körperlich spüren — den Ruck, mit dem der Zug sich in Bewegung setzen würde, das rhythmische Rattern der Räder auf den Schienen, das schmale Bett im Schlafwagen, das sanfte Schaukeln, das einen in den Schlaf wiegte, und dann der Morgen, die Sonne über dem Donautal, eine neü Stadt, ein neüs Leben.
Aber dann dachte er an den leeren Schreibtisch in seiner Wohnung. An das weisse Blatt Papier, das auf ihn wartete. An die Geschichten in seinem Kopf, die herauswollten. Und er verstand plötzlich etwas, das er den ganzen Tag lang nicht verstanden hatte: Er wartete nicht auf einen Zug. Er wartete auf sich selbst.
“Ich kann nicht”, sagte er, und seine Stimme war heiser, nicht vor Kälte, sondern vor etwas, das grösser war als er. “Nicht weil ich nicht will. Sondern weil ich jetzt weiss, wohin ich muss.”
Elena sah ihn an, lange, forschend, und dann nickte sie, langsam, und auf ihrem Gesicht erschien ein Lächeln, das kein trauriges Lächeln war, sondern ein wissendes, ein Lächeln, das sagte: Ich verstehe. Ich habe es gehofft.
“Sie gehen nach Hause”, sagte sie.
“Ja. Ich gehe nach Hause. Und ich werde schreiben.”
“Gut.” Sie lächelte, und es war ein Lächeln, das eine ganze Geschichte erzählte — von einer Frau, die wusste, was es bedeutete, sich für etwas zu entscheiden, und die wusste, dass die richtige Entscheidung nicht immer die war, die man sich wünschte, sondern die, die man brauchte. Sie öffnete ihre Tasche und zog ein Buch heraus — das Buch, das sie den ganzen Abend nicht gelesen hatte. Es war ein schmaler Band, abgegriffen, mit einem Einband, der einmal blau gewesen sein musste und jetzt eher grau war. Sie drückte es ihm in die Hand.
“Das hat meinem Vater gehört. Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe. Lesen Sie es. Und dann schreiben Sie Ihr eigenes.”
Thomas nahm das Buch entgegen. Es war leicht in seiner Hand, leichter, als er erwartet hatte, und doch spürte er sein Gewicht — nicht das physische, sondern das andere, das Gewicht einer Geschichte, einer Weitergabe, eines Vertraüns.
“Danke”, sagte er, und das Wort war viel zu klein für das, was er fühlen wollte, aber es war alles, was er hatte.
“Schreiben Sie mir”, sagte Elena. Sie zog einen Stift aus ihrer Tasche und schrieb eine E-Mail-Adresse auf die erste Seite des Buches, in einer kleinen, ordentlichen Handschrift. “Nicht sofort. Erst wenn Sie etwas geschrieben haben. Dann schicken Sie es mir.”
In der Ferne hörte man jetzt das Rumpeln eines herannahenden Zuges, das leise Vibrieren der Schienen, das lauter wurde, unaufhaltsam, wie ein Herzschlag, der sich beschleunigte. Die Bahnsteigbeleuchtung flackerte kurz, als der Zug in die Halle einfuhr, lang und dunkelblau, mit leuchtenden Fenstern, hinter denen man die Umrisse von Sitzen und Betten und Menschen erahnen konnte, die schon schliefen oder auf dem Weg in den Schlaf waren.
Elena hob ihre Tasche auf. Sie sah Thomas noch einmal an, ein letzter Blick, der alles enthielt — den Abend, die Gespräche, die Kälte, die Musik, die Stille, die Nähe, die Möglichkeit dessen, was hätte sein können, und die Gewissheit dessen, was war. Dann drehte sie sich um und ging auf den Zug zu, ihr blaür Mantel ein dunkler Fleck vor den erleuchteten Fenstern.
Thomas sah ihr nach. Er sah, wie sie einstieg, wie die Tür sich hinter ihr schloss. Er sah ihr Gesicht hinter einem der Fenster auftauchen, blass und schön im kalten Licht, und sie hob die Hand, eine kleine, fast scheü Geste, und Thomas hob die Hand ebenfalls, und für einen Moment standen sie so, getrennt durch Glas und Stahl und die wachsende Gewissheit, dass sie einander wahrscheinlich nie wiedersehen würden.
Danach
Der Zug setzte sich in Bewegung. Langsam zürst, zögernd fast, als müsse er sich überwinden, den Bahnhof zu verlassen. Dann schneller, stetiger, und die Fenster glitten an Thomas vorbei wie Filmbilder, eines nach dem anderen, und in jedem war ein anderes Leben — hier ein Mann, der las, dort eine Frau, die aus dem Fenster sah, dort oben in einem Schlafwagenfenster ein Kind, das sich an die Scheibe drückte und mit grossen Augen in die Nacht hinausstierte. Und dann war der Zug vorbei, und die Rücklichter entfernten sich, rot und immer kleiner, bis sie verschwanden, verschluckt von der Dunkelheit und der Kurve, die die Gleise hinter dem Bahnhof machten.
Thomas stand da. Er hielt das Buch in der einen Hand und seine Reisetasche in der anderen, und er stand da und schaute den leeren Gleisen nach, und in ihm war keine Traurigkeit, keine Leere, kein Bedaürn. In ihm war etwas Neüs, etwas, das er kaum zu benennen wagte, weil er Angst hatte, es könne zerbrechen, wenn er es in Worte fasste. Es war wie das erste Licht eines Morgens, ganz am Anfang, wenn der Himmel sich gerade erst erhellt und man noch nicht weiss, ob es ein sonniger Tag wird oder ein regnerischer, aber man weiss, dass es ein neür Tag ist, und das reicht.
Leo kam zu ihm herüber. Er hatte sein Saxophon in den Koffer gepackt und sich eine weitere Zigarette angezündet. “Sie ist weg”, sagte er.
“Ja.”
“Und Sie sind noch hier.”
“Nicht mehr lange.” Thomas sah ihn an und lächelte. “Ich gehe nach Hause.”
Leo nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. “Gut. Und kommen Sie mal wieder vorbei. Ich bin jeden Abend hier, zwischen acht und zehn.”
“Das werde ich.”
Gertrud war wieder eingenickt, aber als Thomas an ihr vorbeiging, öffnete sie ein Auge und sagte: “Gute Nacht, junger Mann. Und vergessen Sie nicht: Die besten Minuten sind die letzten fünf vor der Ankunft.”
Thomas nickte. “Das werde ich nicht vergessen, Gertrud.” Er beugte sich zu ihr und drückte ihr die Hand, und ihre Finger waren warm und trocken und erstaunlich kräftig für eine Frau ihres Alters, und sie drückte zurück, fest und bestimmt, und für einen Moment waren sie verbunden, zwei Fremde, die sich vor wenigen Stunden nicht gekannt hatten und die sich wahrscheinlich nie wiedersehen würden, und doch etwas teilten, das realer war als die meisten Beziehungen, die Thomas in seinem Leben gehabt hatte.
Er durchqürte die Bahnhofshalle, die jetzt fast leer war. Ein Reinigungswagen summte über den Steinboden, gelenkt von einem Mann mit Kopfhörern, der leise vor sich hin sang, ein Lied, das Thomas nicht kannte. Die Kioske hatten ihre Rollläden heruntergelassen, und die Abfahrtstafeln zeigten nur noch wenige Verbindungen, die letzten Züge der Nacht, Geisterzüge fast, die durch schlafende Städte fuhren und an leeren Bahnsteigen hielten. Irgendwo tropfte Wasser von der Decke in eine Pfütze, ein leises, gleichmässiges Plopp-Plopp, das wie ein Metronom die Stille taktete. Eine Taube sass auf einem der Eisenträger unter der Hallendecke und beobachtete ihn mit schiefgelegtem Kopf, und Thomas dachte: Sogar die Tauben schlafen nicht. Sogar die Tauben warten auf etwas. Seine Schritte hallten in der grossen Halle, und er dachte daran, wie er heute Morgen hergekommen war, ohne Ziel, ohne Plan, ohne Hoffnung, und wie er jetzt ging, immer noch ohne Plan, aber mit etwas, das vielleicht wertvoller war als jeder Plan: mit der Gewissheit, dass er etwas wollte. Dass er etwas konnte. Dass es an der Zeit war, es zu tun.
Er trat auf die Strasse hinaus, und die Nacht empfing ihn wie ein alter Bekannter — kuhl, ruhig, ohne Vorwürfe. Die Nacht war kalt und klar, der Nieselregen längst vorbei, und über den Dächern der Stadt standen Sterne, vereinzelt, aber sichtbar, helle Punkte in der Dunkelheit, die wie Nadellöcher wirkten, durch die ein anderes, helleres Licht hindurchschien. Thomas atmete tief ein und spürte die kalte Luft in seinen Lungen, scharf und sauber und belebend. Er fühlte sich wach, wacher als seit Monaten, vielleicht seit Jahren.
Er ging zu Fuss nach Hause, denselben Weg, den er am Morgen gekommen war, vorbei an der Schule, die jetzt dunkel und still dalag, vorbei an der Apotheke mit dem grünen Kreuz, das schwach leuchtete, vorbei an der Bäckerei, deren Schaufenster leer war. Alles war vertraut und zugleich verändert, als hätte jemand während seiner Abwesenheit die Kontraste aufgedreht, die Farben etwas lebendiger, die Schatten etwas tiefer, die Ränder etwas schärfer gemacht.
Zu Hause schloss er die Tür auf, hängte seinen Mantel an den Haken und ging in die Küche. Die Kaffeetasse stand noch in der Spüle, wo er sie am Morgen hingestellt hatte. Die Mülltonnen waren immer noch da, draussen im Hinterhof, grau und grün und gelb und braun. Die Nachbarskatze war nirgends zu sehen — vermutlich war sie längst in einem warmen Keller zusammengerollt.
Thomas setzte sich an den Küchentisch, legte das Buch von Fernando Pessoa vor sich hin und öffnete es. Elena hatte ihre E-Mail-Adresse auf die erste Seite geschrieben, in einer kleinen, ordentlichen Handschrift, und darunter, so klein, dass er es zürst nicht bemerkt hatte, einen einzigen Satz: “Fangen Sie an.”
Er schlug die erste Seite auf und las den ersten Satz. Dann las er weiter, Seite um Seite, und das Buch der Unruhe sprach zu ihm, wie nur Bücher zu einem sprechen können, die man genau im richtigen Moment liest — mit einer Stimme, die seine eigene war und doch eine andere, eine Stimme, die alles wusste, was er fühlte, und es in Worte fassen konnte, die er selbst nie gefunden hätte.
Gegen zwei Uhr morgens klappte er das Buch zu. Er stand auf, ging in sein Arbeitszimmer — den Raum, den er so nannte, obwohl er seit Jahren nur als Abstellkammer diente — und räumte den Schreibtisch frei. Er schob die Stapel von ungelesener Post beiseite, die Ordner mit alten Steürerklärungen, die leeren Kaffeetassen, die sich dort angesammelt hatten wie Zeugen seiner Untätigkeit. Er legte ein weisses Blatt Papier auf den Tisch und nahm einen Stift in die Hand.
Er sass eine Weile da und sah das leere Blatt an. Es war immer noch einschüchternd, diese Weisse, diese Leere, diese unendliche Möglichkeit. Aber dann dachte er an Elena und an das, was sie gesagt hatte — jeder erste Satz ist mittelmassig, und das ist normal — und er begann zu schreiben.
Der erste Satz
Er schrieb: “Es war nicht so, dass er eines Morgens aufgewacht wäre und beschlossen hätte, sein Leben hinter sich zu lassen.”
Er hielt inne und las den Satz. Er war nicht perfekt. Er war nicht einmal besonders gut. Aber er war da, schwarz auf weiss, ein Anfang, der erste Schritt auf einer Reise, die er noch nicht überblicken konnte, aber die er bereit war zu gehen.
Er schrieb weiter. Über einen Mann, der an einem Novembermorgen seine Kaffeetasse in die Spüle stellt und das Haus verlässt. Über einen Bahnhof und eine leere Bank und das Warten. Über eine Frau mit graün Augen und ein Buch, das nicht gelesen wird. Über einen Saxophonspieler und eine alte Frau, die sich an ihren Mann erinnert. Über die Nacht und die Kälte und die Züge, die kommen und gehen. Über den letzten Zug, der in die Dunkelheit hinausfährt, und den Mann, der zurückbleibt, weil er endlich weiss, wohin er muss.
Die Worte kamen nicht leicht, und sie kamen nicht schnell. Manchmal sass er minutenlang über einem einzigen Satz und strich ihn wieder durch und schrieb ihn neu. Manchmal stand er auf und ging in die Küche und trank ein Glas Wasser und kam zurück und las, was er geschrieben hatte, und war enttäuscht, und schrieb trotzdem weiter. Es war, wie Elena gesagt hatte: Das Schreiben war nicht der erste Satz. Das Schreiben war das Weiterschreiben, das Durchhalten, das Nicht-Aufgeben.
Draussen wurde der Himmel heller. Die ersten Vögel begannen zu singen, zaghaft zürst, dann lauter, ein vielstimmiger Chor, der die Stille der Nacht vertrieb. Thomas schrieb und schrieb, und die Seiten füellten sich, langsam, aber stetig, und mit jeder Seite fühlte er, wie etwas in ihm wuchs, etwas, das er nur als Lebendigkeit bezeichnen konnte — das Gefühl, da zu sein, wirklich da zu sein, nicht nur als Körper, der einen Raum füllte, sondern als Mensch, der etwas tat, das einen Sinn hatte, einen Sinn, den nur er diesem Tun geben konnte.
Um sieben Uhr morgens, als die Sonne aufging und ihr Licht durch das Fenster fiel und die beschriebenen Seiten auf seinem Schreibtisch beleuchtete, legte Thomas den Stift hin. Er lehnte sich zurück und schloss die Augen. Er war müde, müder als je zuvor, aber es war eine gute Müdigkeit, die Müdigkeit nach getaner Arbeit, nach einem langen Weg, der sich gelohnt hatte.
Er dachte an Elena, die jetzt irgendwo zwischen Passau und Linz in ihrem Schlafwagen lag und vielleicht schon wach war und aus dem Fenster sah, auf die verschneiten Hügel und die kleinen Dörfer und den Fluss, der sich durch das Tal wand. Er dachte an Leo, der wahrscheinlich in irgendeiner Wohnung schlief, das Saxophon neben dem Bett, und im Traum spielte er Chet Baker in einer leeren Bahnhofshalle. Er dachte an Gertrud, die jetzt vielleicht schon in ihrem Zug nach Zürich sass und jemandem die Geschichte von Heinrich und den Rosen erzählte.
Und er dachte an sich selbst, an den Mann, der gestern Morgen aus dem Haus gegangen war, ohne zu wissen, wohin, und der jetzt hier sass, an seinem Schreibtisch, mit einem Stapel beschriebener Seiten und dem Anfang einer Geschichte, die vielleicht nie jemand lesen würde, oder die vielleicht — wer konnte das wissen — eines Tages auf einem Nachttisch liegen würde, neben einer Kaffeetasse, und jemand würde sie aufschlagen und den ersten Satz lesen und weiterblättern und weiterblättern, bis zum letzten Satz, und dann das Buch zuklappen und denken: Ja. So ist es. Genau so.
Thomas öffnete die Augen. Er sah auf das Buch von Pessoa, das neben seinen eigenen Seiten lag, und auf die E-Mail-Adresse auf der ersten Seite, und auf den Satz darunter: “Fangen Sie an.”
Er hatte angefangen.
Er nahm sein Handy aus der Manteltasche, die noch über dem Stuhl hing, und schaltete es ein. Es gab siebzehn verpasste Anrufe und acht Nachrichten, aber er öffnete keine davon. Stattdessen öffnete er sein E-Mail-Programm und tippte Elenas Adresse ein. In die Betreffzeile schrieb er: “Der letzte Zug.” In die Nachricht schrieb er nur zwei Worte: “Ich habe.”
Er drückte auf Senden. Dann stand er auf, ging in die Küche, nahm die Kaffeetasse mit dem Sprung am Henkel aus der Spüle, und machte sich einen Kaffee. Der Kaffee war schwarz und bitter, so wie immer, aber er schmeckte anders als gestern. Er schmeckte nach Anfang.
Durch das Küchenfenster sah er den Hinterhof, die Mülltonnen, den Putz, der von der Hauswand bröckelte. Die Nachbarskatze sass wieder auf ihrem Maürvorsprung und putzte sich mit jener gelassenen Gleichgültigkeit, die nur Katzen beherrschen. Alles war wie immer. Und doch war alles anders. Denn Thomas Brenner war nicht mehr der Mann, der durch die Welt schaute wie durch eine Glasscheibe. Er war der Mann, der eine Geschichte zu erzählen hatte. Und er hatte angefangen, sie zu erzählen.
Irgendwo zwischen Frankfurt und Wien, in einem Nachtzug, der gerade durch das Donautal rollte, las eine Frau mit graün Augen eine E-Mail auf ihrem Telefon. Sie las die zwei Worte, und sie lächelte — nicht das Lächeln mit Schatten, sondern ein anderes, ein helles, offenes, ein Lächeln, das sagte: Ich wusste es. Ich wusste, dass er es tun würde.
Sie legte das Telefon weg und schaute aus dem Fenster. Draussen ging die Sonne auf über dem Donautal, und die Welt war weit und golden und voller Möglichkeiten, und der Zug fuhr weiter, stetig, unaufhaltsam, dem nächsten Halt entgegen, der nächsten Station, dem nächsten Kapitel einer Geschichte, die gerade erst begonnen hatte.